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Sechs Bayern auf Rügen
1500 Kilometer mit dem Trike in 3 Tagen
Ausgangspunkt unserer Reise war der Flugplatz Griesau bei Regensburg. Dort fand auch zeitgleich das
traditionelle Enduro-Treffen statt, bei dem sich Trike-Flieger aus ganz Deutschland immer pünktlich zum Vatertag treffen um das verlängerte Wochenende
mit gemeinsamen Streckenflügen auszunutzen. Beim Enduro-Treffen gehen die Streckenflüge meist in die nähere Umgebung oder an Orte die wir, weil selbst
Bayern, meist schon kennen. Deshalb wollten wir uns diesmal ausklinken und in die neuen Bundesländer fliegen. Genauer gesagt nach Rügen an die Ostsee.
Als Bayer bekommt man zwar fast schon selbst „Plattfüße“ beim Anblick des hügellosen Mecklenburg Vorpommern aber gesehen sollte man das schon mal
haben. Und überhaupt, das Flachland hat ja auch Vorteile. Schließlich entfällt die nervige Rumrechnerei am Höhenmesser wenn man bei Flugplätzen
rumschwirrt die eine Platzhöhe von 15 ft MSL oder weniger haben. Auch braucht man dort im Gegensatz zu uns Bayern keine Sorge zu haben dass man beim
Fliegen im Zuge geistiger Umnachtung gegen einen Berg klatscht oder das die Notlandewiese so schräg ist das man zwar die Notlandung überlebt, aber dafür
anschließend rückwärts den Abhang runterstürzt.
Wir, das sind zunächst Doris Prechtl und der immer gut gelaunte Rudi Bierenfeld der diese Strecke geplant
hat und dem die Doris schon mal das Singen untersagt damit sie beim Fliegen keinen Gehörsturz bekommt (D-MBMW). Außerdem Michael Schultz der erst vor
kurzem seinen Schein gemacht hat (D-MIKI). Werner von Zeppelin der auch schon mal vor Wut gegen sein Trike tritt wenn er nach abarbeiten seiner halbstündigen
Checkliste endlich Startbereit im Flieger sitzt, um dann nach dem Anschnallen festzustellen dass der Trapezbügel nicht vor, sondern hinter ihm ist (D-MWVZ).
Und dann natürlich mein Bruder Andreas Dannert und meine Wenigkeit, Thomas Dannert (D-MMYY).
Abgesehen davon dass wir den Start auf 8:30 Uhr verschieben mussten weil ich wie immer zu Spät gekommen
bin, war der Abflug problemlos. Vom Flugplatz Griesau ging es zunächst über den Bayerischen Wald Richtung Grenze Tschecheslowakei und Sachsen. Die
Thermik ließ nicht lange auf sich warten und nach einer Stunde Flugzeit bockelte es schon gewaltig. Nun ja, an sich macht mir die Thermik eigentlich
nichts mehr aus, aber es kann einem schon mal der Schrecken in die Glieder fahren wenn man in 4500 ft MSL Höhe noch immer wie wild durchgeschüttelt wird
und dann auch noch unser Werner über Funk laut schreit „Aaaachtung, eine Fööönwolke!!!“ Kleine Anmerkung: Es war nur eine Wolke am Himmel und
genau diese hat mein Bruder Andreas wieder mal anvisiert, er nennt das „Wolken küssen“.
Kurz darauf haben wir den Bayerischen Wald hinter uns gelassen und den Grenzübergang „Schirnding“ aus
der Luft passiert. Dort hatte sich wieder einmal eine kilometerlange LKW-Schlange gestaut. Zufrieden darüber das wir die unendliche Geduld der
Brummifahrer nicht beweisen mussten ging es weiter Links am Riesengebirge vorbei direkt zu unserer ersten Zwischenstation, dem Flugplatz Auerbach in
Sachsen.
Der Flugplatz Auerbach, welcher 1979 auf „zentrale Weisung“ geschlossen wurde, weil zu nah an der
Grenze, darf erst nach der Wende wieder offiziell angeflogen werden. Von den dort ortsansässigen Fliegern wurden wir sehr herzlich empfangen. Dass es
entgegen unseren Informationen keinen Sprit gab haben wir leider nicht bedacht. Trotzdem kein Problem, ein Auto war schnell gefunden mit dem wir an der nächsten
Tankstelle genug Benzin für unsere Trikes besorgen konnten. Ach ja, und eine Bockwurst für 1.50 € in der Flugplatzkantine gab es zur Stärkung auch
noch. Die war auch nötig, denn als Folge meiner verspäteten Ankunft in Griesau wurde mir nämlich nicht mal mehr ein Frühstück oder ein Kaffee vor
unserer Abreise gegönnt. Gut gestärkt und mit Sprit versorgt ging es anschließend weiter zu unserem nächsten Ziel, dem Flugplatz Taucha in Sachsen.
Vorher wurde aber noch mein Bruder Andreas zum menschlichen Anlasser umfunktioniert weil die MIKI von Michael einfach nicht mehr anspringen wollte. Diese
Funktion sollte er für den Rest unserer Reise auch nicht verlieren, denn selbst eine Fremdstarthilfe mit PKW entlockte dem 582er Rotax meistens nur ein müdes
lächeln.
Der Weiterflug zum Flugplatz Taucha verlief reibungslos. Taucha selbst ist ein Hauptsitz des bekannten
Herstellers „Fresh-Breeze“ und verfügt zusätzlich zur Motorpiste noch über eine eigene Piste für die Segelflieger. Auch in Taucha wurden wir
herzlich begrüßt und mit Sprit sowie Getränken versorgt. Das ist in Bayern gelegentlich schon mal anders. Ich erinnere mich noch gut an den Flugplatz
Vogtareuth. Dort haben Sie uns trotz höflicher Anfrage, nachdem wir von Zell am See in Österreich kommend großräumig ein Gewitter umfliegen mussten,
keinen Tropfen Benzin gegeben und uns mit den restlichen 6 Litern Benzin im Tank unverrichteter Dinge weitergeschickt. Von diesem Gedankensprung zurück
zum Flugplatz Taucha fällt mir nur noch ein das uns beim Rückflug der Reise, als wir wieder dort zwischenlanden wollten der Segelflug-Controller ein
paar verwirrende Anweisungen gab wie zum Beispiel melden Sie „Dritte Kurve“. Häh??? Der sicherlich gut gemeinte Versuch uns auf die Segelflug-Piste
runterzulassen hatte dem guten Mann offensichtlich so viel Nerven gekostet das er zum Schluss, als wir darum baten die Motorpiste nehmen zu dürfen nur
noch meinte „In Gottes Namen, nehmen Sie die Motorpiste“. Vom Flugplatz Taucha aus ging es anschließend weiter in Richtung Brandenburg. Vorbei an
Leizpig war unser nächstes Ziel der Flugplatz Bienenfarm bei Berlin.
Auch wenn wir Bayern es nicht gerne zugeben, aber wie klein doch München im Vergleich zu unserer
Hauptstadt ist kann man erst erfassen wenn Berlin langsam am Horizont auftaucht. Schade nur das uns die von Rudi hervorragend geplante Strecke nicht näher
an unserer Hauptstadt vorbeiführte. Ich hätte nämlich gerne über dem Reichstag ein faules Ei abgeworfen.
Wenn es Sterne für Flugplätze gäbe dann könnte man für Bienenfarm die meisten vergeben. Dort hat es
uns so gut gefallen das wir uns entschlossen haben über Nacht zu bleiben. Der Flugplatz verfügt über eine riesige Landebahn und ein eigenes Restaurant
mit Biergarten und guter Küche (Steak vom Grill mit Kartoffelsalat für 5 €). Für Werner und Michael wurde ein Zimmer im nahegelegenen „Kamerun“
(das Dorf heißt wirklich so) engagiert und wir durften unsere Zelte direkt am Hangar aufstellen. Auch die Duschen konnten wir kostenlos benützen und der
Sprit wurde für uns extra mit dem Auto geholt. Am nächsten Tag hieß es früh aufstehen und um 9 Uhr sind wir Richtung Anklam in Mecklenburg Vorpommern
gestartet.
Die Hansestadt Anklam nennt sich selbst Lilienthalstadt und verfügt über einen riesigen Flugplatz. Durch
die Größe und teils militärische Nutzung war es dort aber nicht so persönlich wie bei den anderen Plätzen. Trotzdem, auch hier wieder keine Probleme
mit dem Treibstoff. Genau richtig zur Mittagszeit in Anklam angekommen hat uns die nette Dame aus dem Tower erstmal ein Taxi bestellt. Ziel war
Mittagessen in der Innenstadt.
Aus dem Taxi ausgestiegen stand unser Werner, den manchmal Kleinigkeiten ziemlich Nerven können fast
wieder kurz vor einem kleinen Wutausbruch weil die Ampel einfach nicht auf Grün schalten wollte. Typisch für „Wessis“ ist uns natürlich gleich der
Soli-Zuschlag eingefallen als wir die hübschen Blumenampeln gesehen haben die in der Altstadt wirklich jede Ampel und Laterne dekorieren. Zufrieden über
das gute Essen und die fairen Preise ging es nach unserem kleinen Ausflug wieder zurück zum Flugplatz wo wir erst mal Quartier beziehen wollten um später
einen schönen Abendflug über Rügen zu machen. Leider erfuhren wir dann das der Flugplatz in Anklam spätestens um 19:00 Uhr geschlossen wird und keine
spätere Landung möglich ist. Nach unzähligen Telefonaten mit den Flugplätzen der Umgebung haben die meisten Handys von uns endgültig wegen
Strom-Mangel den Geist aufgegeben und wir entschlossen uns dann doch die Lilienthalstadt hinter uns zu lassen um nach Stralsund weiterzufliegen, denn dort
war das Ziel unserer Reise schon ganz nah.
Nach einem zauberhaften Flug entlang der Ostseeküste und vorbei an der Hansestadt Greifswald war dann
kurz vor 17:00 Uhr endlich die ehemalige Volkswerft von Stralsund zu sehen. Wer von Stralsund aus seine Flüge in die nähere Umgebung startet kann sein
GPS getrost in die Ostsee werfen. Denn die Volkswerft ist so groß das man Sie selbst aus 50 Kilometern
Entfernung noch locker erkennen kann.
Stralsund wurde bereits 1234 das Stadtrecht verliehen und Ende des 13. Jahrhunderts in die
Interessensgemeinschaft der Hanse aufgenommen. Im lauf der weiteren Geschichte brachte es die Stadt zu Wohlstand und einer gewissen Größe die nicht
zuletzt deshalb den Neid der Nachbarstädte erregte. Aus der Luft betrachtet verbreitet Stralsund mit seiner schönen Bucht und der markanten Brücke nach
Rügen eine wunderbare Stimmung, die so meistens nur auf Postkarten zu finden ist.
Der Flugplatz von Stralsund umgeben von wunderschönen Bauten und in direkter Nähe der Ostsee hat aus
unserer Sicht auch ein paar Sterne verdient. Nicht wegen dem Komfort sondern wegen der familiären Atmosphäre bei der man sich sofort wie zu Hause bei
Muttern fühlt. Eine Übernachtungsmöglichkeit gibt es günstig direkt am Flugplatz. Nachdem wir unsere Quartiere bezogen hatten und einer kurzen
Verschnaufpause war es dann endlich soweit. Es blieben noch anderthalb Stunden Zeit für einen schönen Abendflug nach Rügen, dem eigentlichen Ziel
unserer Reise.
Nach einem kurzen Hüpfer über die Ostsee lag die größte der deutschen Inseln bereits vor uns. Entlang
der Bahnlinie und vorbei an wunderschönen Alleen und rohrgedeckten Häusern ging es über Zentral Rügen vorbei an der Stadt Bergen welche mit seinen
15.000 Einwohnern sozusagen die Hauptstadt von Rügen darstellt. Weiter bis zum alten Hafen von Sassnitz flogen wir direkt auf die weltberühmte Kreideküste
zu. Rechts von uns konnten wir eine der zauberhaftesten Buchten der Insel, das Prorer Wiek sowie das Ostseebad Binz erkennen. Von hier aus sind es mehr
als 700 Kilometer reine Luftlinie zurück nach Griesau. Unwohl wie ein Eisbär in der Wüste fühlt sich wohl ein Bayer über dem Meer. Aber es gibt
Momente im Leben da sollte man einfach nicht an eine Notlandemöglichkeit denken. Mit etwas mulmigen Gefühl im Magen sind wir trotzdem direkt über der
Ostsee entlang der Kreideküste vorbei am Königstuhl geflogen. Dieser markiert zugleich den höchsten Aussichtspunkt von Rügen. Weiter bis Kap Arkona
ging es auf dem Rückweg vorbei an dem Schloß von Ralswiek und anschließend wieder zurück nach Stralsund. Beeindruckt von diesem wunderschönen Flug
und nach einem netten Zusammensein auf der Terrasse der Flugplatzkneipe fielen wir erschöpft in unsere Betten. Wären die Gardinen so breit wie die
Fenster und die Mücken nicht in unserem Zimmer und keine Musik im Hintergrund gewesen dann hätte sicherlich auch Werner ohne sich die ganze Nacht zu ärgern
gut schlafen können.
Am nächsten Morgen entschlossen wir uns dann wieder zurück in Richtung Heimat zu fliegen. Wirklich
schade, denn Werner wollte noch ein paar Tage länger bleiben und so machten wir uns nur noch mit drei Trikes auf den heimweg. Ohne Werner würde es
bestimmt nicht mehr so lustig sein.
Den Rückflug wollten wir unbedingt in einem Tag schaffen. Dank der hervorragenden Sitze unserer Enduro-Trikes hatten wir auch
keine Bedenken das wir den ganzen Rückflug über gequält auf den Sitzen rumrutschen müssen. Die unzähligen Seen von Mecklenburg Vorpommern haben wir
bald hinter uns gelassen, und das der Mensch nun mal ein Gewohnheitstier ist beweisen unsere Zwischenlandungen wieder in Bienenfarm, Taucha und Auerbach.
Um 19:00 Uhr war der Bayerische Wald wieder in Sichtweite und man könnte glauben der Wettergott ist ein Trikeflieger. Denn während des ganzen Fluges
fiel in unserer Umgebung kein Tropfen und zum Schluss konnten wir uns noch erfolgreich an einem kleinen Gewitter vorbei mogeln. Der Bayerische Wald war in
seiner Abendstimmung schon teilweise in Nebel gehüllt und unser Rudi, der den gesamten Flug perfekt geplant hatte bekam die Ehre unseren letzten
Funkspruch für diese Reise abzugeben. Einen Funkspruch den wir alle so schnell nicht vergessen werden:
„Griesau Info“ D-MBMW zusammen mit zwei weiteren Trikes
VFR von Stralsund zur Landung …
Thomas Dannert
Siehe auch: Bilder zum Reisebericht
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