UL-Landung auf Autobahn!


Die vielleicht erste Ihrer Art
UL-Landung auf Autobahn!

Jeder Ultraleichtpilot kennt wohl die kleinen Fragen die man sich immer wieder stellt wenn man frei wie ein Vogel durch die Lüfte schwebt und die Landschaft von Oben betrachtet. Wäre es nicht toll einmal unter einer großen Brücke durchzufliegen oder auf einer Autobahn starten und landen zu können? Natürlich bleibt das im Normalfall garantiert ein unerfüllter Wunsch, und das ist auch gut so. Aber was, wenn ein Filmteam für Dreharbeiten eine Szene aus der Luft filmen möchte, und das aus Kostengründen mit einem UL-Trike? Und was wenn diese Szene auf der Autobahn gedreht werden soll? Genau mit diesem Anliegen ist eine bekannte Filmakademie aus München an uns herangetreten.  

Zunächst standen wir diesem Vorhaben eher skeptisch gegenüber. Es galt erst mal festzustellen wo denn die Dreharbeiten überhaupt stattfinden sollen und für welchen Film? Also trafen wir uns zu Vorgesprächen mit dem Filmteam. Hier erklärte uns dann die Regieassistentin die geplante Szene. Im Zuge eine Werbefilms für „Urinbeutel“ sollte ein, sich auf der Autobahn schleuderndes Fahrzeug, aus der Luft gefilmt werden. Außerdem erklärte Sie uns das eine Drehgenehmigung für ein Teilstück der Autobahn am Münchner Autobahnkreuz West vorliegt.

Ein Werbefilm für „Urinbeutel“ und der Drehort am Autobahnkreuz München West? Das liegt mitten im Stadtgebiet und ist auch noch innerhalb der Kontrollzone (HX) vom Fliegerhorst Fürstenfeldbruck! Die Fotos die man uns gezeigt hatte gaben auch nicht gerade Anlass zum glauben an die Durchführbarkeit dieses Unternehmens. Es handelt sich nämlich um ein gerade mal 300 Meter langes Teilstück zwischen zwei Autobahnbrücken. Links und rechts von der Autobahn werden die Autos umgeleitet und zirka 100 Meter von der einen Brücke entfernt verläuft eine riesige Stromleitung über die Autobahn. Hier galt es also zu starten und zu landen und außerdem im Tiefstflug die Filmszene zu drehen.

Das klappt doch nie haben wir uns erst mal gedacht. Wer soll uns denn für so was eine Genehmigung geben und das auch noch innerhalb von zwei Tagen? Aber man glaubt es kaum, nach Anfrage beim Luftamt Süd (vielen Dank noch mal an Herrn Öxler vom Luftamt) haben wir tatsächlich innerhalb von einem Tag ohne Komplikationen eine Außenlande- und Startgenehmigung für das Auto-bahnteilstück bekommen (natürlich unter bestimmten Auflagen). Und auch die Anfrage beim Flugplatzkommandanten von Fürstenfeldbruck war positiv. Wir sollen uns einfach über Funk bei der Kontrollzone anmelden. Jetzt war also alles klar, und als wir das Kamerateam darüber telefonisch informierten konnte man die Jubelrufe im Hintergrund hören.

Super, jetzt mussten wir nur noch die Einzelheiten unter uns klären. Wie meldet sich zum Beispiel das Team am Boden per Funk auf der Autobahn? Autobahn Info? Gar nicht so einfach, aber auch das konnten wir nach Rücksprachen klären. Dem Sinn gemäß am nächsten liegend meldet man sich wie bei den Ballonfahrern mit „Verfolger“. Das wichtigste war aber für uns, wer darf den Kameramann fliegen? Da wir (mein Bruder Andreas und ich) uns unser Ultraleichtflugzeug gemeinschaftlich teilen, musste wie immer bei solchen Einsätzen das Los entscheiden. Und wie immer ziehe ich dabei natürlich den kürzeren. Aber was soll’s, er fliegt also den Kameramann und ich habe dafür die Ehre als vielleicht erster Ultraleichtpilot in Deutschland auf der Autobahn zu landen. Denn so war das Los definiert. Einer von uns fliegt hin und wieder zurück und der andere darf dafür den Kameramann fliegen.

Von jetzt an haben wir die Stunden gezählt und nach zwei schlaflosen Nächten war es dann endlich soweit. Um 16:30 Uhr war mit dem Kamerateam das Rendeveuz an der Autobahn ausgemacht. Der Wettergott spielte auch mit und wir hatten an diesem Donnerstag sonnige 30° Grad. Nicht ganz meinem Wunsch entsprechend denn eine geschlossene Wolkendecke wäre mir lieber gewesen. Die Thermik war nämlich zu diesem Zeitpunkt noch mörderisch. Von unserer „Airbase“, dem Flugplatz Straßham bei München startete ich also in Richtung Autobahnkreuz München West. Mein Bruder Andreas war mit einem Freund schon mal mit dem Auto voraus gefahren um mit bereitstehenden Feuerlöscher und zweiten Funkgerät in der Hand meine bevorstehende Landung auf der Autobahn abzusichern.

Eigentlich ist der Anflug zum Zielort ziemlich einfach, aber München ist voll mit Kontrollzonen und deshalb ist eine genaue Flugplanung und Einhaltung der richtigen Höhen ausgesprochen wichtig. Aber zunächst musste ich den Fliegerhorst Fürstenfeldbruck anfunken. Als ich die Frequenz gerastet hatte stellte ich erst mal fest, das sämtliche Kommunikation mit Fürstenfeldbruck in Englisch abgehalten wurde. Also bloß nicht Fürstenfeldbruck „Tower“ sagen sonst spricht der mit mir auch noch in Englisch. Fürstenfeldbruck „Turm“ für D-MMYY. D-MMYY bittet um Einflug-genehmigung in die Kontrollzone zur Landung auf der Autobahn am AK München West! Es kann sich jeder vorstellen das der Kontroller zunächst ein wenig gezögert hatte und nach für mich unendlich dauernden Sekunden kam dann endlich die erlösende Anweisung. D-MMYY wechseln Sie auf die Frequenz 122,7. Hier konnten wir uns dann in Ruhe unterhalten und der äußerst freundliche Kontroller hat mir alle nötigen Genehmigungen für unser Vorhaben problemlos erteilt. So jetzt nur noch vorbei am Flugplatz Oberschleißheim, rein in die Kontrollzone und immer der Autobahn nach. Es dauerte nicht lange und dann war das Autobahnkreuz West in Sicht.

Hier muss man noch dazu sagen dass der äußere Autobahnring von München am AK West endet. Das gesperrte Teilstück ist ein noch nicht für den Verkehr freigegebener Weiterbau der Autobahn an dem die Autos links und rechts vorbeigeleitet werden. Von oben nicht schwer zu erkennen habe ich erst mal nach Funkabsprache mit meinem Bruder den Anflug auf die Autobahn geübt. Einen Fehler konnte ich mir wirklich nicht erlauben. Vorbei an der Hochspannungsleitung, reindrehen auf Richtung Autobahn, im Tiefstflug über die erste Brücke um dann mit so wenig Überfahrt wie möglich auf der Autobahn zu landen, damit ja die 300 Meter ausreichen. Ich möchte aber nicht wissen was in den Köpfen der Autofahrer vorging, da ein offensichtlich Verrückter mit seinem fliegenden „Rasenmäher“ tatsächlich neben Ihnen auf der Autobahn landen wollte. Nach drei Probeanläufen war ich meiner Sache sicher und die Landung war perfekt,  auch wenn ich zum ausrollen noch durch die zweite Autobahnbrücke auf der anderen Seite durchfahren musste. Bei unseren zehn Metern Spannweite blieben tatsächlich links und rechts noch jeweils ein Meter übrig. Das Kamerateam wartete schon und beim vorbeirollen konnte ich das Klatschen der umstehenden Leute vernehmen. Auf jeden Fall meinte der Kameramann später ganz lapidar. Wenn ich bei der Landung „aufgeklatscht“ wäre hätte das Team bestimmt viel Geld von einem Privatsender für die Ausstrahlung der Bruchlandung bekommen.

So, mein Part war hier vorerst zu Ende und jetzt war mein Bruder zusammen mit dem Kameramann an der Reihe. Nun galt es die geplante Szene zu drehen. Zusammen mit dem Kameramann musste mein Bruder Andreas durch die erste Brücke starten um dann rechtzeitig vor der zweiten in der Luft zu sein. Die Filmsequenz wurde übrigens doppelt gedreht, ein weiterer Kameramann war am Boden um die selbe Szene aus einem anderen Blickwinkel aufzuzeichnen. Vier Autos mussten sich dazu über die Autobahn immer wieder vor und zurück bewegen bei denen eines der Fahrzeuge ständig schleudern sollte. So lange bis die Szene perfekt ist. Nach endlosen Kreisen, abdrehen vor der Stromleitung und Tiefstflügen über die Autobahn war nach einer Stunde die Szene im Kasten und nach der anschließenden Landung meines Bruders hatte der Kameramann sämtliche Farbe im Gesicht verloren. Dem Ärmsten ist es verständlicherweise wegen dem dauernden Kreisen, auf und ab durch die Thermik und durch die ständige Konzentration auf seine Arbeit richtig schlecht geworden und er war heilfroh wieder festen Boden unter den Füssen zu haben.

Das war es. Die letzte Szene für den Film war fertiggestellt und unser Auftrag somit erledigt. Im nachhinein denke ich aber hätte man die Werbung für „Urinbeutel“ statt mit einem Autofahrer auch mit einem UL-Piloten drehen können. Denn es ist bestimmt schon so mancher Ultraleichtflieger bei längeren Flügen ins schleudern gekommen als er in seiner Not und ohne Landemöglichkeit die „Pinkel-Flasche“ zur Hilfe nehmen mußte.

Auf jeden Fall freuen wir uns schon auf die nächsten mit uns geplanten Dreharbeiten. Bei denen soll nämlich für einen weiteren Werbefilm die Szene mit den fliegenden Jagdbombern aus dem Film „Pearl Harbor“ nachgedreht werden. Auch bei dieser Szene wurde ein UL-Trike verwendet um die unter dem Trike durchfliegenden Jagdbomber aus der Vogelperspektive zu filmen. Aber das wird eine ganz andere Geschichte.

Thomas Dannert

Veröffentlicht in der DULV-Zeitschrift 06/01